Ein offener Sportnachmittag, bei dem Kinder nicht nur mitmachen, sondern mitentscheiden, mitgestalten und Verantwortung übernehmen: Mit seiner „MitMachZeit – Mitentscheiden. Mitgestalten. Mitmachen.“ hat der AthletikSportVerein Wunstorf Südaue bei der regionalen Verleihung der „Sterne des Sports“ in Bronze 2026 überzeugt und den zweiten Platz erreicht. Aufgrund von Punktgleichheit wurden in diesem Jahr zwei zweite Plätze vergeben. Der erste Platz und damit der „Große Stern des Sports“ in Bronze ging an den MTV von 1848 Hildesheim. Neben dem ASV wurde auch der Verein Herzschläger aus Hannover mit einem zweiten Platz ausgezeichnet.
Die „Sterne des Sports“ würdigen Sportvereine, die sich über den klassischen Sportbetrieb hinaus gesellschaftlich engagieren und mit ihren Projekten einen Beitrag zum Zusammenhalt leisten. Der ASV Wunstorf Südaue überzeugte die Jury mit einem Konzept, das Bewegung mit demokratischer Bildung verbindet und Kindern und Jugendlichen ganz praktisch zeigt: Deine Stimme zählt.

Sport ist mehr als Bewegung
Die Idee zur MitMachZeit entstand aus der Erfahrung von Konrektorin und Vereinsvorstandsmitglied Jessika Dziony-Sommerhage im schulischen Sportunterricht. Immer wieder zeigte sich, dass es Kindern nicht leichtfällt, andere Meinungen zu akzeptieren, mit Enttäuschungen umzugehen oder Entscheidungen mitzutragen, die nicht den eigenen Wünschen entsprechen.
Daraus entstand die Frage: Wie können Kinder Demokratie nicht nur erklärt bekommen, sondern sie tatsächlich erleben?
Die Antwort ist die MitMachZeit.
Einmal im Monat öffnet der ASV Wunstorf Südaue die Kolenfelder Turnhalle für einen offenen Sportnachmittag für Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 18 Jahren. Eine Vereinsmitgliedschaft ist ausdrücklich nicht erforderlich. Das Angebot soll möglichst niedrigschwellig sein und auch Kinder erreichen, die bisher keinen festen Zugang zu einem Sportverein haben.
Dabei geht es um weit mehr als eine zusätzliche Sportstunde.

Eine Stunde, in der Kinder wirklich mitentscheiden
Schon beim Ankommen beginnt die Beteiligung. In einer offenen Freispielzeit können die Kinder zunächst selbstständig spielen und die Halle entdecken. Gleichzeitig stimmen sie darüber ab, welches Spiel anschließend gemeinsam gespielt wird.
Im Bänke- oder Sitzkreis werden anschließend die gemeinsamen Regeln besprochen: Wie wollen wir miteinander umgehen? Was ist uns wichtig?
Danach wird das Ergebnis der Abstimmung gemeinsam betrachtet und das meistgewählte Spiel gespielt.
Doch damit ist die Mitbestimmung noch lange nicht vorbei.
Im nächsten Schritt sammeln die Kinder eigene Ideen für die Hauptphase. Turnen an den Ringen, Bauen mit Turngeräten, Rollbrettfahren, Tanzen, Ballspiele oder eine Bewegungslandschaft – grundsätzlich ist vieles möglich. Die Vorschläge werden sichtbar gemacht und anschließend gemeinsam abgestimmt.
Dabei lernen die Kinder, dass Demokratie nicht immer bedeutet, dass eine Idee einfach gewinnt. Manchmal müssen unterschiedliche Wünsche miteinander verbunden werden.
„Was können wir machen, damit möglichst viele zufrieden sind?“
Aus dieser Frage entstehen Kompromisse und eigene Lösungen.
So kann beispielsweise eine Gruppe eine Bewegungslandschaft bauen wollen, während andere Kinder mit Rollbrettern fahren möchten. Dann wird gemeinsam überlegt, wie beides miteinander verbunden werden kann.
Die Kinder erleben dadurch, dass sie nicht nur zwischen vorgegebenen Möglichkeiten wählen, sondern selbst Lösungen entwickeln und Verantwortung für die gemeinsame Gestaltung übernehmen können.

Die eigene Stimme zählt – aber nicht immer die eigene Meinung gewinnt
Ein zentraler Bestandteil der MitMachZeit ist die Erkenntnis, dass demokratische Beteiligung zwei Seiten hat.
Meine Stimme zählt. Aber meine Stimme ist nicht die einzige.
Wenn das eigene Lieblingsspiel bei einer Abstimmung nicht gewinnt, darf man enttäuscht sein. Gleichzeitig lernen die Kinder, die gemeinsame Entscheidung zu akzeptieren und darauf zu vertrauen, dass beim nächsten Mal vielleicht die eigene Idee mehr Stimmen bekommt.
Damit werden ganz alltägliche Situationen zu demokratischen Lernerfahrungen.
Die Kinder lernen:
- eigene Wünsche und Ideen zu äußern,
- anderen zuzuhören,
- abzustimmen und Mehrheitsentscheidungen zu akzeptieren,
- Verantwortung für die Gruppe zu übernehmen,
- Kompromisse zu finden,
- Kritik zu äußern,
- gemeinsam nach Lösungen zu suchen und
- zu erleben, dass das eigene Handeln tatsächlich etwas verändern kann.

Kritik ist ausdrücklich erwünscht
Besonders wichtig ist deshalb die abschließende Reflexionsrunde.
Die Kinder können mit grünen, gelben und roten Smileys zeigen:
🟢 Das hat mir gut gefallen.
🟡 Das könnten wir anders machen.
🔴 Das hat mir nicht gefallen.
Entscheidend ist: Auch die negative Rückmeldung ist ausdrücklich willkommen.
Denn Partizipation bedeutet für den ASV nicht, dass Kinder nur dann beteiligt werden, wenn sie etwas gut finden. Sie sollen lernen, ihre Meinung frei zu äußern und Kritik konstruktiv einzubringen.
Und ihre Kritik bleibt nicht folgenlos.
Bei einer MitMachZeit stellte beispielsweise ein Mädchen fest, dass sie an der von ihr gewünschten Station kaum zum Zug gekommen war, weil dort so viele andere Kinder waren. In der Abschlussrunde entwickelte sie selbst einen Verbesserungsvorschlag: Zukünftig sollte zunächst jedes Kind für einige Minuten an der Station beginnen können, für die es sich entschieden hatte. Erst anschließend sollte frei zwischen den Angeboten gewechselt werden.
Aus einer Kritik wurde damit eine konkrete Idee zur Verbesserung des nächsten Treffens.
Genau darin sieht der ASV den besonderen Wert der MitMachZeit:
Kinder erleben, dass ihre Meinung nicht nur angehört wird, sondern tatsächlich etwas verändern kann.

Demokratie wird nicht erklärt – Demokratie wird erlebt
Für den ASV Wunstorf Südaue ist die MitMachZeit deshalb mehr als ein Bewegungsangebot.
Sie ist ein Ort, an dem demokratische Grundprinzipien spielerisch und unmittelbar erfahren werden können.
Denn Demokratie beginnt nicht erst bei einer Wahl. Sie beginnt dort, wo Menschen erleben, dass ihre Stimme zählt, dass andere Menschen ebenfalls eine Stimme haben und dass gemeinsame Entscheidungen manchmal anders ausfallen als die eigene Meinung.
Gerade der Sport bietet dafür einen besonderen Lernort. Bewegung baut Hemmschwellen ab, schafft Begegnungen und ermöglicht gemeinsames Erleben. Kinder müssen keine politischen Begriffe kennen, um zu erfahren, was Mehrheitsentscheidungen, Verantwortung, Kompromisse und Beteiligung bedeuten.
Sport wird damit zum Erfahrungsraum für Demokratie.
Die Idee soll im gesamten Verein wachsen
Die MitMachZeit steht gleichzeitig für eine Haltung, die der ASV Wunstorf Südaue zunehmend im gesamten Vereinsleben verankern möchte.
Partizipation endet nicht mit der MitMachZeit und auch nicht mit dem 18. Geburtstag.
Bereits heute werden Elemente der Mitbestimmung auch in anderen Bereichen des Vereins eingesetzt. Im Wettkampfbereich können Kinder und Jugendliche beispielsweise Übungen mitgestalten. Bei einem gemeinsamen Tanztag entwickelten Jugendliche den Tanz aktiv mit und arbeiteten gemeinsam mit der Trainerin an der Musik. Auch im Erwachsenen- und Seniorensport können Teilnehmende Wünsche und Themen für Trainingseinheiten einbringen und damit die Gestaltung der kommenden Wochen beeinflussen.
Die Botschaft dahinter ist immer dieselbe:
Du bist Teil des Vereins. Deine Meinung ist wichtig. Du kannst etwas beitragen.
So wird aus der MitMachZeit Schritt für Schritt eine Haltung, die den gesamten Verein prägen soll.
Eine Idee, die jeder Verein umsetzen kann
Besonders wichtig ist dem ASV, dass die MitMachZeit nicht auf den eigenen Verein beschränkt bleibt.
Das Grundprinzip funktioniert unabhängig von der Sportart und sogar unabhängig vom Sport. Ob Fußball, Turnen, Tanzen, Handball oder Gesundheitssport – Beteiligung lässt sich überall integrieren.
Aber auch Schulen, Kindergärten, Pfadfindergruppen oder Kinder- und Jugendfeuerwehren können Elemente des Konzepts übernehmen.
Deshalb entwickelt der ASV aktuell ein MitMachStarter-Set, mit dem andere Vereine die Idee unkompliziert selbst ausprobieren können.
Die MitMachBox enthält unter anderem:
- Spielkarten mit einfachen Bewegungsspielen,
- Abstimmungskarten,
- Smileys und Reflexionsmaterial,
- Moderationskarten,
- eine kurze Anleitung zur Durchführung,
- einen transparenten Stunden-Fahrplan als großes Poster sowie
- perspektivisch ein Erklärvideo.
Damit soll es anderen Vereinen möglichst leicht gemacht werden, erste eigene Erfahrungen mit dem Konzept zu sammeln.
Nicht nur darüber sprechen – einfach ausprobieren.
MitMachZeit soll zur MitMachBewegung werden
Der zweite Platz bei den „Sternen des Sports“ ist für den ASV Wunstorf Südaue deshalb weit mehr als eine Auszeichnung.
Er ist eine Bestätigung dafür, dass ein kleines, ehrenamtlich entwickeltes Projekt eine gesellschaftliche Frage aufgreifen kann, die weit über den Sport hinausgeht.
Wie wollen wir, dass unsere Gesellschaft in Zukunft miteinander umgeht?
Für den ASV beginnt die Antwort bei den Kindern und Jugendlichen.
Sie sollen erleben, dass Mitgestaltung möglich ist, dass unterschiedliche Meinungen nebeneinander bestehen können, dass Entscheidungen gemeinsam getroffen werden und dass Kritik und Veränderung dazugehören.
Denn unsere Zukunft ist noch nicht fertig geschrieben.
Wir gestalten sie heute – und wir haben es selbst in der Hand, welche Werte wir an die nächste Generation weitergeben.
Der ASV Wunstorf Südaue möchte deshalb die MitMachZeit weiterentwickeln, noch mehr Kinder erreichen und die Idee möglichst vielen Vereinen zugänglich machen.
Das Ziel ist klar:
Aus der MitMachZeit soll eine MitMachBewegung werden.
Eine Bewegung, in der Kinder und Jugendliche nicht nur Sport treiben, sondern erfahren:
Meine Stimme zählt.
Deine Stimme zählt auch.
Und gemeinsam entscheiden wir, wie es weitergeht.
Fotos: Axel Herzig




